Ruderverein Wandsbek e.V.

Eine Ruderwanderfahrt, die absolut rekordverdächtig ist, unternahmen wir in den Schulferien im Sommer 1961 mit einem Vierer, der "Penelope”. Diese Fahrt brachte uns vom Klubhaus an der Alster (damals noch ”Der Hamburger und Germania Ruder Club”) über die Ostsee via Dänemark bis nach Kopenhagen und Helsingborg in Schweden und zurück entlang der dänischen Inseln und durch den Nord-Ostsee-Kanal sowie die Elbe aufwärts wieder nach Hamburg.
Die Mannschaft bekomme ich heute nicht mehr ganz zusammen, aber außer mir (Holger Ellgaard) waren Burghardt Völzke (als Fahrtenleiter), Bernt Kuphal und sein Besuch aus den USA (ein Austauschschüler), den wir “Jimmy” nannten, mit dabei. Dieser “Jimmy” hatte vorher noch nie gerudert, bekam aber schnell den Bogen heraus und nach unserer sechswöchigen Wanderfahrt nach

im Sturm vor Fehmarn

Skandinavien ruderte er wie ein alter Profi. Die “Penelope” (mit Betonung auf dem "o") war ein Wanderboot mit wasserdichtem Stauraum vorne und hinten. Das Boot hatten wir “hochseetauglich” gemacht, indem wir den vorderen Wellenbrecher erhöhten und Persenningbahnen über die Ausleger spannten, um seitliches Vollschlagen zu verhindern. Das hatten wir schon im Vorjahr erfolgreich ausprobiert. Außerdem hatten wir für den Notfall eine Handpumpe und je eine Schwimmweste. Letztere erwies sich jedoch als lebensgefährlich, da sie sich nach kurzer Zeit mit Wasser voll sog und schwer wie Blei wurde. Zur Navigation diente uns eine Seekarte, die die südliche Ostsee bis einschließlich Lolland (Dänemark) abdeckte.

Hochbrücke Vordingborg

Ursprünglich wollten wir eigentlich entlang der deutschen und dänischen Ostseeküste rudern, aber in Heiligenhafen kam uns der wahnsinnige Gedanke, in die Wanderruder-Geschichte eingehen zu wollen und über den Fehmarnbelt nach Dänemark zu rudern und Kopenhagen zu besichtigen und wenn alles gut läuft vielleicht auch noch Helsingborg - wenn man schon mal in der Gegend ist.
Die Überfahrt über den Fehmarnbelt machten wir nachts (!), da wir uns da besser an den Leuchtfeuern orientieren konnten. Als wir abends Fehmarn westlich umrundet hatten hielten wir aber, anstatt auf blinkende Leuchtfeuer, auf das hellste Licht auf der dänischen Seite zu. Es war weiß und blinkte nicht und war auch nicht in der Seekarte verzeichnet. Komisch!

auf hoher See

Aber hell war es und leicht auszumachen. Die Überfahrt dauerte ewig und auf halber Strecke wurden wir beinahe von einem gigantischen Frachter überrannt. Aber der Ausguck des Frachters war aufmerksam, hatte unsere kleine Petroleumfunzel entdeckt und drehte etwas bei. Morgens um drei-vier Uhr wurden die Augenlider schwer und nicht nur die. Sekundenschlaf oder Minutenschlaf? Das weiß ich nicht mehr so genau, aber ich kann hiermit bezeugen, dass man im Schlaf rudern kann. Im Morgengrauen kamen wir endlich auf der dänischen Seite an. Nun zeigte sich auch, woher dieses helle, weiße Licht kam - es war die Baustellenbeleuchtung des Fährhafens “Rødbyhavn”, der damals gebaut wurde.

Nun, wir kamen nach Kopenhagen und nach Helsingborg und wohlbehalten wieder zurück nach Hamburg. Manchmal brauchten wir abends nicht ins nasse Zelt zu kriechen, sondern durften bei dänischen Familien übernachten, wenn wir Glück hatten, sogar mit voller Verpflegung. Mitunter mussten wir die Ostsee mit einem Stück Landstrasse austauschen und bekamen Lastwagenhilfe. Und manchmal mussten wir die Ausleger der “Penelope” schweißen lassen, weil die dauernd abbrachen. Aber überall trafen wir auf hilfsbereite, gastfreundliche Menschen, die nicht schlecht staunten, wenn wir sagten, dass wir ganz aus Hamburg gerudert kamen. Ich glaube, wir trugen damals auch ein bisschen zur Völkerverständigung bei, denn Deutsche wurden Anfang der 1960er

Kopenhagen

Jahre immer noch, jedenfalls in Dänemark, mit Skepsis betrachtet.
…Übrigens, dass wir über den Fehmarnbelt (und auch noch bei Nacht) ruderten, war bislang ein gut gehütetes Geheimnis. Um einen Nervenzusammenbruch bei Eltern und Ruderboss Schulz-Kriebel zu vermeiden, erzählten wir, uns habe ein Fischerboot nach Dänemark mitgenommen.

Bericht und Fotos: Holger Ellgaard