Die durch die Hölle gehen …
… titelt die Westdeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 10. Oktober 2010 zum diesjährigen Marathonrudern auf dem Rhein. Oh, da sind wir wohl falsch abgebogen oder waren einfach zu schnell. Denn uns hat es einen Riesenspaß gemacht, in 2 Stunden und 11 Minuten die 42,8 km den Rhein von Leverkusen nach Düsseldorf hinunter zu rasen. Hat jemand mitgerechnet? Ja, das sind über 19 km/h. Da kommt man richtig voran. In der Spitze sind wir mehr als 21 km/h gefahren und das mit dem Gig-Doppelvierer Alsterkranich: There´s no better way to row !
Kommt dir ein Binnenschiff entgegen, und davon gibt es auf dem Rhein reichlich, hörst du erst das Rauschen, dann das Brummen des Motors und schließlich rast eine riesige schwarze Wand an dir vorüber. Dann gehen schon mal die Anschnallzeichen an, denn die Heckwellen sind bis zu 1m hoch.
Aber das wollte ich euch gar nicht erzählen, weil es sowieso unbeschreiblich ist. Vielmehr wollte ich mal berichten, was eigentlich so alles notwendig ist, damit das Ganze nicht nur ein Spaß, sondern auch ein Erfolg wird.
Zu allererst braucht man eine Mannschaft, die überhaupt Lust hat, so eine Strecke anzugehen. Und wenn ich euch verrate, dass wir in die Vorbereitung 8 Wochen oder 500km investiert haben, dann wisst ihr bestimmt, was ich meine. Und so waren wir, Ansgar, Björn, Michael und Matthias, froh, dass wir uns gefunden haben.
Dann musst du Vieles planen: Wer kümmert sich um den Bootstransport, wie wollen wir trainieren, wie müssen wir das Boot ausrüsten, welche Taktik haben wir im Rennen, wer kann uns im Rennen steuern, was machen wir, wenn wir nicht komplett sind … ? Ich greife mal ein paar Punkte heraus und hoffe, dass sie dich interessieren.
Wie rüstet man ein Boot für den Rheinmarathon aus?
Da man mit insgesamt kabbeligem Wasser und Wellen bis zu 1m rechnen muss, kommst du nicht umhin, den Bug- und Heckkasten komplett abzudecken und die Abdeckungen sauber zu verkleben. Da der Alsterkranich geschottete Bug- und Heckkästen hat, müssen die Abdeckungen unbedingt bis hinter die Schotten verklebt werden, sonst laufen dir Bug- und Heckkasten voll. Im Boot haben wir zwei Elektropumpen, die zusammen 1 Liter pro Sekunde auspumpen. Den Akku verstauen wir, wasserdicht verpackt, in der Bugspitze, weil dort als letztes das Wasser steht. Zwischen den Auslegern spannen wir vom Wellenbrecher bis hinter den Steuersitz auf beiden Seiten eine Persenning aus Folie. Du fragst dich, ob sich das alles lohnt? Ziemlich zu Anfang rollte eine Monsterwelle durch unser schönes Boot. Nur durch diese eine Welle stand unsere Steuerfrau bis zu den Knöcheln im Wasser. Gut, wenn dann die Pumpen funktionieren. Und ohne Abdeckung und Abklebung biegst du dann Richtung Hölle ab.
Was machen wir, wenn wir im Training nicht komplett sind?
Wir möchten uns ganz herzlich bei allen Vereinskameradinnen und Vereinskameraden bedanken, die uns auf Trainingsfahrten mit rudern oder steuern unterstützt haben. Insbesondere bedanken wir uns bei Anke, die unzählige Kilometer mit uns auf dem kalten Steuerplatz ausgehalten hat und bei Sven, der uns immer noch ein Stückchen besser macht.
Wie trainiert man für so einen Marathon?
Ganz wichtig ist, viel so genannte Grundlagenausdauer zu trainieren. Auch volkstümlich als Kilometerfressen bezeichnet. Je mehr Kilometer du in der Vorbereitung machst, desto besser. Z.B. in Form von 30 km Trainingsrunden: RVW-Ohlsdorf-Binnenalster-Eilbekkanal-Stadtparkrunde-Aussenalster-RVW. Aber, wenn du nicht nur ankommen willst, dann musst du dir auch Tempohärte erarbeiten. Das bedeutet, dass du möglichst lange im aeroben Bereich fahren kannst. Also das Herz klopft im Hals und nicht in den Schläfen. Dafür bietet sich einmal die Woche eine Tempoeinheit an. Man steigert sich von wirklich schnellen Schlägen, z.B. 8 x 50 Schläge, auf 3 x 4000 m mit immer noch hohem Tempo. Nun verbindet man noch Ausdauer und Tempo. Dafür gibt es eine Einheit, die Crescendo heißt. Die Mannschaft fand sie so toll, dass wir sie gleich zweimal fahren mussten, weil sich bei mir beim ersten Mal nach 21 km die Dolle gelöst hat. Das geht so: Du fängst mit einer Schlagzahl von 18 an und steigerst jeweils nach 5 km die Schlagzahl um 2 Schläge. Und das 25 km lang, dann geht es wieder auf die 18. Also 18-20-22-24-26-18. Die Kilometer 20-25 mit einer 26er Schlagzahl sind an der Einheit die Herausforderung.
Wie ist das mit der Taktik?
Klar, möglichst schnell fahren und gewinnen ! Klingt einfach, ist es aber nicht. Je länger die Strecken werden, desto besser musst du dir das Rennen einteilen. Die goldene Regel: Fahre die 2. Hälfte schneller als die 1. ! Du nimmst dir also eine realistische Zielzeit vor; dafür musst du die Mannschaftsleistung sehr gut einschätzen können. Das schaffst du nur, wenn du im Training sehr genau die gefahrenen Zeiten auswertest. Wir haben daher außer bei den Technikeinheiten immer mit GPS-Uhr trainiert, so dass wir unsere mögliche Geschwindigkeit auf dem Rhein gut einschätzen konnten. Die prognostizierte Zielzeit teilst du einfach auf die Kilometer auf. Die ersten 5 km gehst du etwas langsamer an, diese Zeit holst du dir auf den letzten 5 km im Endspurt zurück. Jetzt musst du auf dem Rhein nur noch Kilometerschilder lesen können, dann weißt du immer, ob du im Zeitplan liegst. Falls nicht, musst du unbedingt reagieren, da dir keiner verlorene Zeit zurück schenkt.
Das alles nützt dir gar nichts, wenn du nicht eine SUPER-Steuerfrau wie Celia hast ! Celia ist rheinerfahren und ich habe mich als Bugmann gefragt, wer hier eigentlich wem ausweicht, weil Celia so dicht an die dicken Pötte herangefahren ist. Immer schön in der Strömung bleiben und einen geraden und direkten Kurs auf die nächste Biegung halten. Celia, vielen Dank ! Vielleicht bringen wir dir nächstes Mal noch die Kommandos „Ruder halt“ und „halbe Kraft“ bei.
Vielleicht eine letzte Frage noch: Wie ist das mit der Regeneration?
Ganz wichtig ! Am wirkungsvollsten ist die so genannte 4-Phasen-Regeneration:
Phase 1: Warte in Düsseldorf nicht 24 Minuten auf die nächste Straßenbahn, sondern gehe 3 Stationen zu Fuß.
Phase 2: Trinke ausreichend Altbier zum überreichlichen Essen in der Brauerrei „zum Schlüssel“ und vergiss nicht, den Magen mit einem Kräuterlikör namens Killepitsch abzuschließen.
Phase 3: Geh auf Nummer sicher, geh nochmal zu den Rheinterrassen und trinke weiter Altbier. Spiele dort nicht auf Zeit und fange nicht wieder an zu essen.
Phase 4: Geh an die Quelle, an die Quelle des Killepitsch. Das ist eine Kneipe namens „Kabüffke“, etwa 30qm klein mit langem Tresen und kurzen Bedienwegen. Hebe dort zur Lockerung der Schulter-Nacken-Muskulatur immer wieder dein Glas und proste dir mit der Mannschaft, notfalls auch mit wildfremden Menschen zu. Wenn du alles richtig gemacht hast, kommen nach kurzer Zeit fünf sehr vornehm gekleidete Herren mit Ihren schwarzen Zylinderhüten, in die eh schon überfüllte Kneipe und singen a capella 20iger und 30iger Jahre Schlager a la „Mein kleiner grüner Kaktus“ . Großartig.
In 2 Stunden 11 Minuten haben wir unser Rennen gegen 10 Gegner gewonnen. In der Gesamtwertung sind wir 6. von 143 Booten geworden.
Never stop rowing
Matthias
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